SlovoKult ::
Prosa
Rumena Bužarovksa
"Wellen" (Erzählung, Auszug)
Aus dem Makedonischen von Will Firth
"Wellen" (Erzählung, Auszug)
Aus dem Makedonischen von Will Firth
Am Morgen, als wir abreisten, weckte mich meine Mutter sehr früh. Ich wollte nicht aufstehen, also zog mir meine Mutter die orangefarbene Jacke über den Schlafanzug und streifte mir Strümpfe über die Füße. Sie strengte sich so sehr an, mir meine Stiefel anzuziehen, dass sie mir fast den Fuß verknackste. Dann nahm sie mich in die Arme und trug mich zur Haustür, wo ein kräftiger Mann in schwarzem Rollkragenpulli und dickem Mantel stand. „Gehen wir“, sagte sie zu ihm. Er hob die zwei großen Koffer an, die an die Wand im Flur gelehnt waren, und lief hinter meiner Mutter durchs Tor. Ich wollte fragen, wohin wir gingen und ob meine Mutter meinen Teddybär und mein Tagebuch mit hatte, aber mein Mund wollte einfach nicht aufgehen. Auch die Wimpern an meinem linken Auge klebten fest.
Draußen war es dunkel und kalt. Ich spürte, dass mein Hosenbein hochgerutscht war und die Luft wie ein kalter Wasserstrahl in meinen Schlafanzug drang. Die kleinen Härchen auf meinen Beinen stellten sich auf. Meine Mutter flüsterte mir etwas ins Ohr, aber ihre Worte lösten sich in der Luft auf und ich verstand nur ein leises „Sch-sch“. Auf dem Parkplatz öffnete der Mann die Hintertür eines großen, schwarzen Autos – es war keins von unseren –, und wir setzten uns hinten rein. Das Leder war kalt. Meine Mutter deckte mich mit ihrem Mantel zu und legte meinen Kopf auf ihren Schoß. Das Auto wackelte, als der Mann einstieg und die Tür zumachte. Ich hörte den Motor brummen, und wir fuhren los. Hinter den beschlagenen Scheiben huschten die Lichter der Stadt über mich hinweg und verwandelten sich in milchige, verschwommene Flecken zwischen meinen Wimpern. Mutters Gesicht konnte ich kaum sehen, denn sie blickte durchs nasse Fenster. Sie versuchte mit dem Zeigefinger das Auge einer Frau zu malen, verschmierte es aber aus Versehen in der rechten Ecke. Sie wischte es mit der Hand ab und malte daneben zwei Berge mit einer Sonne dazwischen. Im Auto wurde es langsam wärmer, auf der Fensterscheibe zerrannen die Sonne und die Berge. Eine wohlige Wärme überkam mich und ich schlief wieder fest ein. Ich erinnere mich, dass ich nach einiger Zeit halbwegs wach wurde und meine Mutter zusah, wie sie mir den Schlafanzug abstreifte und mir eine braune Cordhose und einen gelben Pulli anzog. Der Himmel färbte sich violett und der Mond sah aus wie eine scharfe Sichel, die in der Ecke des Fensters eingeklemmt war. Er segelte hinter uns her, vorbei an Pfosten und kahlen Bäumen. Ich schlief wieder ein.
Der Mann holte die zwei Koffer aus dem Gepäckraum des schwarzen Autos und stellte sie vor dem Café ab. Meine Mutter und ich setzten uns rein, um zu frühstücken. Ich hörte die Menschen um uns herum Griechisch sprechen und sah das Meer. Es erinnerte mich an die Sommer, als meine Eltern und ich nach Griechenland in den Urlaub fuhren. Diesen Ort kannte ich aber nicht. Als wir uns setzten, sagte meine Mutter, dass wir uns in einem Städtchen in Griechenland befanden, sie wollte mir aber nicht sagen, in welchem. Wir waren jetzt hierhergekommen, um Urlaub zu machen. Sie bestellte mir Toast und Orangensaft, aber sie selbst trank nur Kaffee und rauchte vier Zigaretten, während ich aß.
„Warum fahren wir gerade jetzt in den Urlaub?“ fragte ich meine Mutter. Ich wusste, es würde sie noch mehr beunruhigen, wenn ich sie sofort nach meinem Vater fragte. Daher entschied ich mich, ein bisschen zu warten.
„Weil es in Skopje sehr kalt ist und viel Trubel gibt“, antwortete meine Mutter schnell durch den Rauch, der aus ihrem Mund und den Nasenlöchern kam.
„Welchen Trubel?“
„Na, Trubel eben“, sagte sie, drückte ihre Zigarette aus und öffnete ihr Etui, um eine neue herauszuholen. Ihre Fingernägel waren nicht so schön wie sonst: An einigen Stellen waren die Spitzen abgebrochen und der goldene Lack war abgegangen.
„Kommt Papa nach?“, fragte ich etwas erschrocken. Ich wusste, es gefiel ihr nicht, dass ich nach sein Plänen fragte.
„Er wird schon kommen“, antwortete sie schroff.
„Wann?“, fragte ich inzwischen kleinlaut und fast mit einem schlechten Gewissen.
„Wahrscheinlich nächste Woche“, sagte sie und zog ihr Handy heraus. Immer wenn sie nicht mit mir reden wollte, holte sie es heraus und tat so, als ob sie SMS las oder schrieb. Jetzt begann sie aber tatsächlich, eine SMS zu schreiben.
„Wem schreibst du?“, wollte ich wissen.
„Frose, ich habe ich dir hundertmal gesagt: Das ist meine private Sache. Es ist unerzogen, danach zu fragen!“
„Wohin fahren wir?“, fragte ich weiter. Ich trank den letzten Schluck Saft aus meinem Glas.
„Auf eine hübsche kleine Insel, wo du schön im Meer baden und spielen kannst“, sagte meine Mutter und versuchte, mich anzulächeln. Mit der Hand, die ihre Zigarette hielt, streichelte sie mir über den Kopf. Dabei hinterließ sie Streifen von Rauch, die um mich herum schwebten.
„Welche kleine Insel?“
Meine Mutter seufzte. „Frosina, du fragst mir Löcher in den Bauch. Lass mich ein bisschen ausruhen, ja? Du hast während der Fahrt geschlafen, aber ich bin todmüde.“
„Und wenn ich diese Woche bei zwei Tests fehle und überhaupt nicht in der Schule bin?“
Ungeduldig seufzte sie noch einmal und tippte weiter auf dem Handy. Nach einer Weile erst antwortete sie: „Mach dir keine Sorgen. Du sollst die Tage einfach genießen, Schätzchen.“
„Ich möchte noch einen Saft trinken“, sagte ich und starrte in mein leeres Glas.
Meine Mutter stand auf und legte ein paar Münzen auf den Tisch. „Das geht jetzt nicht. Sonst ist unser Schiff weg. Los, zieh deine Jacke an.“
„Aber ich möchte noch einen Saft.“
„Kaufe ich dir, wenn wir angekommen sind. Komm, schnell, es wäre ganz blöd für uns, wenn wir das Schiff nicht kriegen“, sagte meine Mutter und packte die Koffer an den Griffen. Ich fasste nach ihrem Mantel, aber sie schubste mich weg, weil sie die zwei Koffer hinter sich her ziehen musste. Ihr Gesicht wurde rot und sie begann durch den Mund zu atmen. Wir liefen noch fünf Minuten bis zu unserem Schiff. Dort kam ein Mann auf uns zugelaufen und half meiner Mutter, die Koffer an Bord zu tragen.
„Wenn du gut hinguckst, wirst du bestimmt Delfine sehen“, sagte meine Mutter, als das Schiff ablegte. Ich klebte am runden Fenster. Es war schmutzig und zerkratzt und ich musste mir wirklich Mühe geben, um keinen Delfin zu verpassen, der zwischen den Wellen sprang. Während der ganzen Fahrt schaute ich durchs Fenster und hoffte, wenigstens einen zu entdecken. Vielleicht habe ich wirklich einen gesehen, aber ich war mir nicht sicher, ob das Delfine in der Ferne waren oder nur weiße Wellen, die sich kräuselten. Ich zerrte meine Mutter am Arm – sie sollte auch schauen –, aber sie schlief mit offenem Mund. Den Kopf hatte sie hinten an den Sitz gelehnt.
Ich nutzte den Augenblick und wühlte in ihrer Handtasche, um schnell die SMS in ihrem Handy zu lesen; vielleicht hatte ja mein Vater geschrieben. Wenn er simste, kamen die SMS immer von unbekannten Nummern.
„Denk an euch. Kuss an Frosina“ war die letzte Nachricht. Er hatte sie am selben Morgen um neun Uhr geschrieben. Mich überkam ein warmes, zufriedenes Gefühl. Ich wollte es genießen und legte das Handy deshalb sofort wieder in die Handtasche und lehnte mich im Sitz zurück. Ich schloss die Augen und dachte an meinen Vater.
Mein Vater hatte das Haus fast einen Monat vor uns verlassen. „Ich muss auf Dienstreise“, sagte er. Als ich ihn das letzte Mal sah, hatte er vor der Haustür gehockt, um mir Tschüss zu sagen. Er war unrasiert und seine Bartstoppeln kratzten an meinem Gesicht, aber das gefiel mir schon immer. „He Papa, drück mich nicht so doll, ich krieg‘ fast keine Luft mehr“, japste ich. Seine Brille blieb dabei an meiner Wange kleben. Lachend nahm er sie ab und wollte sie abwischen, aber womit? Er fasste an seinen Schlips, nein; guckte zu seinem Sakko, nein. Da nahm er einen Zipfel meiner Bluse in die linke Hand, hielt mir mit der rechten die Brille vor den Mund und sagte: „Hauch mal.“ Ich fragte ihn: „Wann kommst du wieder?“, und er meinte: „Bald.“ „In einer Woche?“, wollte ich wissen. Er antwortete nicht, sondern gab mir nur einen Kuss, den ich als „Ja“ deutete. Meine Mutter hatte sich im Schlafzimmer eingesperrt. Wahrscheinlich weinte sie, weil aus dem Zimmer das Radio dröhnte. Jedes Mal, wenn meine Eltern sich stritten, ging sie ins Schlafzimmer, knallte die Tür zu, schloss sie zweimal ab und drehte das Radio auf. Manchmal klopfte mein Vater und rief „Meri! Mach auf!“, und „Meri! Mach keine Szenen, mach die Tür auf!“, und zum Schluss „Meri, aufmachen! Sonst trete ich die Tür ein!“ Einmal hat er sie tatsächlich eingetreten. Danach machte meine Mutter die Tür immer auf, sobald mein Vater an ihr hämmerte. Durch den Lärm des Radios hörte ich das gedämpfte Schimpfen, vor allem von meiner Mutter. Wenn mein Vater wütend war, sprach er durch die Zähne in einem tiefen Ton. Nur einzelne Worte, die er betonte, konnte ich erkennen: „Tür eintreten“, „hör auf “, „das wirst du sehen“ und „geht nicht“. Meine Mutter schrie meistens: „Warum?“
Einige Monate bevor wir wegfuhren, nahmen die Streitereien meiner Eltern zu, als man begann, meinen Vater regelmäßig im Fernsehen zu zeigen. Zuerst hatte man ihn als Direktor entlassen, dann fing man an, häufig in den Nachrichten über ihn zu sprechen. Ich durfte nicht dabei sein, wenn man über ihn berichtete, also wurde ich ins Kinderzimmer verbannt. Aber so sehr ich auch mein Ohr gegen die Tür drückte, ich konnte den Fernseher nicht richtig hören oder die Nachrichtensprecher verstehen, die über meinen Vater redeten. Es war höchstwahrscheinlich nichts Gutes, soviel habe ich verstanden, denn niemand sprach in meinem Beisein darüber. Eines Tages, als meine Mutter und mein Vater ausgegangen waren, schaltete ich den Fernseher ein, um die Nachrichten zu sehen. Man berichtete über ihn und über irgendwelche Bankkonten, dann zeigte man unsere Autos, das Haus, das renovierte Gut meiner Oma und die Wohnung, in der wir bis vor einigen Jahren gewohnt hatten. Man zeigte auch meinen Vater am Schreibtisch; er unterhielt sich mit einem Mann, der früher öfters zu uns zu Besuch kam. Am Ende zeigte man meine Mutter, wie sie eine Boutique in der Stadt betrat; sie sah sehr schön aus, aber als die Frau mit dem Mikrofon ihr sich näherte, wurde sie wütend und stürmte davon.
Dann begann das Telefon zu Hause häufig zu klingeln. Manchmal waren meine Eltern beide zu Hause, gingen aber nicht ran. Einige Male ging meine Mutter ans Telefon und schrie den Anrufer an, und es kam vor, dass sie ablegte und meinen Vater ins Schlafzimmer rief, um sich mit ihm zu streiten. Einmal nahm ich selbst den Hörer ab, obwohl ich das nicht durfte. Ich war allein zu Hause, und das Telefon klingelte mehr als zehnmal. Mein Vater hatte mir ein Handy gekauft, damit er und meine Mutter mich direkt anrufen konnten und ich gar nicht ans normale Telefon gehen musste – aber es interessierte mich sehr, wer so viel anrief, und deshalb ging ich ran. Am anderen Ende der Leitung hörte ich eine raue Frauenstimme wie ein Flüstern. „Damit du es weißt: Dein Vater ist ein Gauner, ein ganz großer Gauner!“, dann wurde aufgelegt. Ich wusste nicht so richtig, was ein Gauner ist, aber ich stellte mir vor, es müsste etwas Schlimmes sein; deshalb wollte ich nicht meine Mutter oder meinen Vater danach fragen. Fünfzehn Minuten später klingelte das Telefon noch einmal. Ich wollte nicht rangehen, aber ich war sehr neugierig und hob wieder den Hörer.
„Hallo?“ fragte ich und hoffte, dass es vielleicht meine Oma war. Sie würde mir sagen können, was ein Gauner ist.
Zuerst hörte ich nur ein Knistern und ein lautes Atmen. „Hallo?“ wiederholte ich.
„Deine Mutter ist eine Schlampe“, sprach eine tiefe, heisere Stimme, „und du bist ein verdorbener kleiner Bastard.“ Und dann – „Klick“, der Anrufer legte auf.
---------------------------------------------------------
Draußen war es dunkel und kalt. Ich spürte, dass mein Hosenbein hochgerutscht war und die Luft wie ein kalter Wasserstrahl in meinen Schlafanzug drang. Die kleinen Härchen auf meinen Beinen stellten sich auf. Meine Mutter flüsterte mir etwas ins Ohr, aber ihre Worte lösten sich in der Luft auf und ich verstand nur ein leises „Sch-sch“. Auf dem Parkplatz öffnete der Mann die Hintertür eines großen, schwarzen Autos – es war keins von unseren –, und wir setzten uns hinten rein. Das Leder war kalt. Meine Mutter deckte mich mit ihrem Mantel zu und legte meinen Kopf auf ihren Schoß. Das Auto wackelte, als der Mann einstieg und die Tür zumachte. Ich hörte den Motor brummen, und wir fuhren los. Hinter den beschlagenen Scheiben huschten die Lichter der Stadt über mich hinweg und verwandelten sich in milchige, verschwommene Flecken zwischen meinen Wimpern. Mutters Gesicht konnte ich kaum sehen, denn sie blickte durchs nasse Fenster. Sie versuchte mit dem Zeigefinger das Auge einer Frau zu malen, verschmierte es aber aus Versehen in der rechten Ecke. Sie wischte es mit der Hand ab und malte daneben zwei Berge mit einer Sonne dazwischen. Im Auto wurde es langsam wärmer, auf der Fensterscheibe zerrannen die Sonne und die Berge. Eine wohlige Wärme überkam mich und ich schlief wieder fest ein. Ich erinnere mich, dass ich nach einiger Zeit halbwegs wach wurde und meine Mutter zusah, wie sie mir den Schlafanzug abstreifte und mir eine braune Cordhose und einen gelben Pulli anzog. Der Himmel färbte sich violett und der Mond sah aus wie eine scharfe Sichel, die in der Ecke des Fensters eingeklemmt war. Er segelte hinter uns her, vorbei an Pfosten und kahlen Bäumen. Ich schlief wieder ein.
Der Mann holte die zwei Koffer aus dem Gepäckraum des schwarzen Autos und stellte sie vor dem Café ab. Meine Mutter und ich setzten uns rein, um zu frühstücken. Ich hörte die Menschen um uns herum Griechisch sprechen und sah das Meer. Es erinnerte mich an die Sommer, als meine Eltern und ich nach Griechenland in den Urlaub fuhren. Diesen Ort kannte ich aber nicht. Als wir uns setzten, sagte meine Mutter, dass wir uns in einem Städtchen in Griechenland befanden, sie wollte mir aber nicht sagen, in welchem. Wir waren jetzt hierhergekommen, um Urlaub zu machen. Sie bestellte mir Toast und Orangensaft, aber sie selbst trank nur Kaffee und rauchte vier Zigaretten, während ich aß.
„Warum fahren wir gerade jetzt in den Urlaub?“ fragte ich meine Mutter. Ich wusste, es würde sie noch mehr beunruhigen, wenn ich sie sofort nach meinem Vater fragte. Daher entschied ich mich, ein bisschen zu warten.
„Weil es in Skopje sehr kalt ist und viel Trubel gibt“, antwortete meine Mutter schnell durch den Rauch, der aus ihrem Mund und den Nasenlöchern kam.
„Welchen Trubel?“
„Na, Trubel eben“, sagte sie, drückte ihre Zigarette aus und öffnete ihr Etui, um eine neue herauszuholen. Ihre Fingernägel waren nicht so schön wie sonst: An einigen Stellen waren die Spitzen abgebrochen und der goldene Lack war abgegangen.
„Kommt Papa nach?“, fragte ich etwas erschrocken. Ich wusste, es gefiel ihr nicht, dass ich nach sein Plänen fragte.
„Er wird schon kommen“, antwortete sie schroff.
„Wann?“, fragte ich inzwischen kleinlaut und fast mit einem schlechten Gewissen.
„Wahrscheinlich nächste Woche“, sagte sie und zog ihr Handy heraus. Immer wenn sie nicht mit mir reden wollte, holte sie es heraus und tat so, als ob sie SMS las oder schrieb. Jetzt begann sie aber tatsächlich, eine SMS zu schreiben.
„Wem schreibst du?“, wollte ich wissen.
„Frose, ich habe ich dir hundertmal gesagt: Das ist meine private Sache. Es ist unerzogen, danach zu fragen!“
„Wohin fahren wir?“, fragte ich weiter. Ich trank den letzten Schluck Saft aus meinem Glas.
„Auf eine hübsche kleine Insel, wo du schön im Meer baden und spielen kannst“, sagte meine Mutter und versuchte, mich anzulächeln. Mit der Hand, die ihre Zigarette hielt, streichelte sie mir über den Kopf. Dabei hinterließ sie Streifen von Rauch, die um mich herum schwebten.
„Welche kleine Insel?“
Meine Mutter seufzte. „Frosina, du fragst mir Löcher in den Bauch. Lass mich ein bisschen ausruhen, ja? Du hast während der Fahrt geschlafen, aber ich bin todmüde.“
„Und wenn ich diese Woche bei zwei Tests fehle und überhaupt nicht in der Schule bin?“
Ungeduldig seufzte sie noch einmal und tippte weiter auf dem Handy. Nach einer Weile erst antwortete sie: „Mach dir keine Sorgen. Du sollst die Tage einfach genießen, Schätzchen.“
„Ich möchte noch einen Saft trinken“, sagte ich und starrte in mein leeres Glas.
Meine Mutter stand auf und legte ein paar Münzen auf den Tisch. „Das geht jetzt nicht. Sonst ist unser Schiff weg. Los, zieh deine Jacke an.“
„Aber ich möchte noch einen Saft.“
„Kaufe ich dir, wenn wir angekommen sind. Komm, schnell, es wäre ganz blöd für uns, wenn wir das Schiff nicht kriegen“, sagte meine Mutter und packte die Koffer an den Griffen. Ich fasste nach ihrem Mantel, aber sie schubste mich weg, weil sie die zwei Koffer hinter sich her ziehen musste. Ihr Gesicht wurde rot und sie begann durch den Mund zu atmen. Wir liefen noch fünf Minuten bis zu unserem Schiff. Dort kam ein Mann auf uns zugelaufen und half meiner Mutter, die Koffer an Bord zu tragen.
„Wenn du gut hinguckst, wirst du bestimmt Delfine sehen“, sagte meine Mutter, als das Schiff ablegte. Ich klebte am runden Fenster. Es war schmutzig und zerkratzt und ich musste mir wirklich Mühe geben, um keinen Delfin zu verpassen, der zwischen den Wellen sprang. Während der ganzen Fahrt schaute ich durchs Fenster und hoffte, wenigstens einen zu entdecken. Vielleicht habe ich wirklich einen gesehen, aber ich war mir nicht sicher, ob das Delfine in der Ferne waren oder nur weiße Wellen, die sich kräuselten. Ich zerrte meine Mutter am Arm – sie sollte auch schauen –, aber sie schlief mit offenem Mund. Den Kopf hatte sie hinten an den Sitz gelehnt.
Ich nutzte den Augenblick und wühlte in ihrer Handtasche, um schnell die SMS in ihrem Handy zu lesen; vielleicht hatte ja mein Vater geschrieben. Wenn er simste, kamen die SMS immer von unbekannten Nummern.
„Denk an euch. Kuss an Frosina“ war die letzte Nachricht. Er hatte sie am selben Morgen um neun Uhr geschrieben. Mich überkam ein warmes, zufriedenes Gefühl. Ich wollte es genießen und legte das Handy deshalb sofort wieder in die Handtasche und lehnte mich im Sitz zurück. Ich schloss die Augen und dachte an meinen Vater.
Mein Vater hatte das Haus fast einen Monat vor uns verlassen. „Ich muss auf Dienstreise“, sagte er. Als ich ihn das letzte Mal sah, hatte er vor der Haustür gehockt, um mir Tschüss zu sagen. Er war unrasiert und seine Bartstoppeln kratzten an meinem Gesicht, aber das gefiel mir schon immer. „He Papa, drück mich nicht so doll, ich krieg‘ fast keine Luft mehr“, japste ich. Seine Brille blieb dabei an meiner Wange kleben. Lachend nahm er sie ab und wollte sie abwischen, aber womit? Er fasste an seinen Schlips, nein; guckte zu seinem Sakko, nein. Da nahm er einen Zipfel meiner Bluse in die linke Hand, hielt mir mit der rechten die Brille vor den Mund und sagte: „Hauch mal.“ Ich fragte ihn: „Wann kommst du wieder?“, und er meinte: „Bald.“ „In einer Woche?“, wollte ich wissen. Er antwortete nicht, sondern gab mir nur einen Kuss, den ich als „Ja“ deutete. Meine Mutter hatte sich im Schlafzimmer eingesperrt. Wahrscheinlich weinte sie, weil aus dem Zimmer das Radio dröhnte. Jedes Mal, wenn meine Eltern sich stritten, ging sie ins Schlafzimmer, knallte die Tür zu, schloss sie zweimal ab und drehte das Radio auf. Manchmal klopfte mein Vater und rief „Meri! Mach auf!“, und „Meri! Mach keine Szenen, mach die Tür auf!“, und zum Schluss „Meri, aufmachen! Sonst trete ich die Tür ein!“ Einmal hat er sie tatsächlich eingetreten. Danach machte meine Mutter die Tür immer auf, sobald mein Vater an ihr hämmerte. Durch den Lärm des Radios hörte ich das gedämpfte Schimpfen, vor allem von meiner Mutter. Wenn mein Vater wütend war, sprach er durch die Zähne in einem tiefen Ton. Nur einzelne Worte, die er betonte, konnte ich erkennen: „Tür eintreten“, „hör auf “, „das wirst du sehen“ und „geht nicht“. Meine Mutter schrie meistens: „Warum?“
Einige Monate bevor wir wegfuhren, nahmen die Streitereien meiner Eltern zu, als man begann, meinen Vater regelmäßig im Fernsehen zu zeigen. Zuerst hatte man ihn als Direktor entlassen, dann fing man an, häufig in den Nachrichten über ihn zu sprechen. Ich durfte nicht dabei sein, wenn man über ihn berichtete, also wurde ich ins Kinderzimmer verbannt. Aber so sehr ich auch mein Ohr gegen die Tür drückte, ich konnte den Fernseher nicht richtig hören oder die Nachrichtensprecher verstehen, die über meinen Vater redeten. Es war höchstwahrscheinlich nichts Gutes, soviel habe ich verstanden, denn niemand sprach in meinem Beisein darüber. Eines Tages, als meine Mutter und mein Vater ausgegangen waren, schaltete ich den Fernseher ein, um die Nachrichten zu sehen. Man berichtete über ihn und über irgendwelche Bankkonten, dann zeigte man unsere Autos, das Haus, das renovierte Gut meiner Oma und die Wohnung, in der wir bis vor einigen Jahren gewohnt hatten. Man zeigte auch meinen Vater am Schreibtisch; er unterhielt sich mit einem Mann, der früher öfters zu uns zu Besuch kam. Am Ende zeigte man meine Mutter, wie sie eine Boutique in der Stadt betrat; sie sah sehr schön aus, aber als die Frau mit dem Mikrofon ihr sich näherte, wurde sie wütend und stürmte davon.
Dann begann das Telefon zu Hause häufig zu klingeln. Manchmal waren meine Eltern beide zu Hause, gingen aber nicht ran. Einige Male ging meine Mutter ans Telefon und schrie den Anrufer an, und es kam vor, dass sie ablegte und meinen Vater ins Schlafzimmer rief, um sich mit ihm zu streiten. Einmal nahm ich selbst den Hörer ab, obwohl ich das nicht durfte. Ich war allein zu Hause, und das Telefon klingelte mehr als zehnmal. Mein Vater hatte mir ein Handy gekauft, damit er und meine Mutter mich direkt anrufen konnten und ich gar nicht ans normale Telefon gehen musste – aber es interessierte mich sehr, wer so viel anrief, und deshalb ging ich ran. Am anderen Ende der Leitung hörte ich eine raue Frauenstimme wie ein Flüstern. „Damit du es weißt: Dein Vater ist ein Gauner, ein ganz großer Gauner!“, dann wurde aufgelegt. Ich wusste nicht so richtig, was ein Gauner ist, aber ich stellte mir vor, es müsste etwas Schlimmes sein; deshalb wollte ich nicht meine Mutter oder meinen Vater danach fragen. Fünfzehn Minuten später klingelte das Telefon noch einmal. Ich wollte nicht rangehen, aber ich war sehr neugierig und hob wieder den Hörer.
„Hallo?“ fragte ich und hoffte, dass es vielleicht meine Oma war. Sie würde mir sagen können, was ein Gauner ist.
Zuerst hörte ich nur ein Knistern und ein lautes Atmen. „Hallo?“ wiederholte ich.
„Deine Mutter ist eine Schlampe“, sprach eine tiefe, heisere Stimme, „und du bist ein verdorbener kleiner Bastard.“ Und dann – „Klick“, der Anrufer legte auf.
---------------------------------------------------------
